Vergackeiert

am

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Manche Eindrücke aus der Kindheit sind in die Hauptplatine eingeritzt, sie lassen einen nicht mehr los. Wer wie wir auf dem Land aufgewachsen ist, wird unendliche Abenteuer erlebt haben, Bäume erklettert und Bäche übersprungen haben. Der Gartenzaun war erst der Anfang und mit meinem kleinen blauen Fahrrad war kein Feldweg vor mir sicher. Was die meisten Landeier nicht erzählen, ist der Kontakt zur Massentierhaltung. Ist auch verständlich, da man damit aufwächst und höchstens mal Witze über blaue Kühe macht. Erst wenn man sein Fleisch selber einkauft, stellt man sich die Fragen.

Nie werde ich den Geruch vergessen. Kurz vor Sonnenuntergang fuhr ich noch einmal um das Dorf herum. Der Fahrtwind wehte durch meine damals noch unbändigen Locken, die sich stramm gegen den nervigen Helm drückten. Abwechselnd rauschte ich durch stehende, feuchte Abendluft und durch dichte Mückenschwärme. Insgesamt roch es nach frischem Gras und besonders nach dem süßlichen Raps, gegen den ich damals noch nicht allergisch war. Doch wie allzu oft legte sich ein Leichentuch über die kindlich verklärte Landschaft. Direkt außerhalb des Ortes liegen drei gewaltige parallel gebaute Gebäude, die genau so mysteriös wie bedrohlich ohne Fenster dort stehen, wie Gefängnisse. Nicht einmal hören kann man was sich dort drinnen abspielt, da die Belüftungsanlagen alles übertönen. Die Besitzer der Anlagen waren unsere Nachbarn und ich weiß ehrlich gesagt nicht wie es dazu kam, aber eines Tages stand ich mit meiner Mutter darin. Es war viel wärmer als draußen und der Lärm der Tiere war unbeschreiblich, es klang nach Federnrupfen und Vogelgeschrei. Lang waren wir nicht drin, da der Mitarbeiter nur ein paar Hühnerkadaver auf eine Schubkarre schmiss und so schnell wie möglich die Tore wieder zuschloss. Der Geruch war der selbe, wie der der unser gesamtes Dorf belegte, wenn der Wind aus der falschen Richtung kam. Hühnermist ist viel säuerlicher als Schweine- oder Rindermist. Dazu roch es noch faulig, der typisch süßliche Gestank der Verwesung. Zum Glück blieben wir nicht mehr lange und zogen ein Dorf weiter. Die Hühnerfarmen stehen noch immer unverändert.

Meiner Meinung nach haben die meisten Landkinder ähnliche Erfahrungen, schließlich sind nicht gerade wenige Eltern selber in der Landwirtschaft. Zum Glück sind die Erlebnisse nicht alle so negativer Natur. Nur 500 Meter von den Hühnerställen liegt ein Bioland Bauernhof der Familie Bauschatz, der das krasse Gegenteil lebt. Von dort erhalten meine Eltern noch heute das meiste Fleisch, das sie benötigen. Die Aufzucht und Verarbeitung sind so, wie man es sich wünscht und das Fleisch legt keine 20 Kilometer zurück. Da ich auch diese Realität gesehen habe, bin ich wohl nicht aus Horror Vegetarier geworden. Aber was macht man in der Stadt, wo trotz 5 Supermärkten in Laufweite erstaunlich wenig Auswahl vorliegt?

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Im teuersten Supermarkt dachte ich, finde ich die beste Auswahl und sicher etwas, das ich guten Gewissens kaufen kann. Doch zur Auswahl gab es gerade einmal 3 Hähnchen. Eines von diesen generischen 4€ Hühnern, Industrieware, ein Maishühnchen und eines der Marke Nature&Respect. Keines der drei trug ein Bio Siegel und nur das 4€ Huhn kommt aus Deutschland. Ziemlich irritiert griff ich zum Nature&Respect Huhn, obwohl ich von billigen Marketingtricks wie grünen Labels und Slogans nichts halte. Es ist mehr als doppelt so teuer, also wird es schon nicht kriminell sein. Da ich im Laden keinen Empfang hatte, habe ich im Nachhinein etwas Recherche angestellt. Der Hersteller gibt auf seiner Website nur sehr vage und allgemeine Angaben zu den Haltungsbedingungen. Für diese Intransparenz gibt es auch vom WDR Schelte. So gern man als Konsument auch glauben möchte, dass die Hühner Auslauf bekommen und die Züchter leidenschaftlich sind, sich wirklich drauf verlassen kann man nicht. Auf der Website schrotundkorn finde ich einen Artikel, der sich mit dem Thema Labels und Bio beschäftigt und Nature&Respect immerhin kein schlechtes Urteil erteilt. Anscheinend gehört die Marke zum „label rouge“, das auf unkonventionelle Rassen, langsame Aufzucht und kleine Mastbestände setzt. Laut dem Lebensmittellexikon im Netz ist dies eine Auszeichnung des französischen Landwirtschaftsministeriums, das durchaus renommiert, aber in Deutschland überhaupt nicht bekannt ist.

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Von der Zubereitung her kann ich sagen, dass das Fleisch sehr gute Qualität hat. Das Fleisch ist dunkler als bei den meisten Industriezüchtungen, die darauf achten müssen, dass Konsumenten weißes Fleisch bevorzugen. Die Schenkel und Brüste schienen mir kleiner als die von üblichen Hendln und auch das Gewicht lag gut ein Drittel unter dem des 4€ Hähnchens. Der Geschmack ließ dann die letzten Zweifel vorübergehend verstummen. Das Fleisch war fest, aber nicht trocken. Die Muskelfasern waren klar definiert, ein Anzeichen für Auslauf und ein reiferes Alter. In der Industrie erreichen Hühner nach 4 Wochen ihr Schlachtgewicht. Wer ein leckeres Hendl will, macht also bei diesem Anbieter keinen Fehler.

Abschließend möchte ich darauf eingehen, warum ich nicht in einen Bioladen gegangen bin, was natürlich viel einfacher gewesen wäre. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ich finde es an Biomärkten schwierig, dass man weniger Möglichkeiten zum Preisvergleich hat und die mangelnde Konkurrenz im Laden sich auch oft auf die Wertigkeit der Produkte auswirkt. Ich kann sagen, dass ich an diesem Tag nicht vergackeiert wurde, aber wie ein mündiger Konsument fühle ich mich trotzdem nicht. Man sollte sich nicht auf bunte Verpackung, Versprechungen und einen höheren Preis verlassen müssen. In konventionellen Märkten sollte man gezielt nach den Biosiegeln suchen und ruhig auch den Angestellten mitteilen, wenn man Bioware vermisst. Schließlich geht es den meisten Einzelhändlern um Profit und dabei ist es ihnen meistens, leider, egal woher der kommt. Dafür einen Euro in das Kapitalistenschwein (s.o.).

Wem der Appetit auf ein saftiges, knuspriges Brathähnchen nicht vergangen ist und seine Mündigkeit beim Einkaufen auf die Probe stellen möchte, Ende der Woche gibt es das Rezept für unser supereinfaches Bierhuhn!

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